Sehr geehrte Redaktion,
hiermit reiche ich eine formelle Programmbeschwerde zur tagesschau-Sendung und dem Artikel vom 24. Juli 2025 mit dem Titel „Bericht von Hilfsorganisationen: Hunderte Millionen Menschen hungern weltweit“ ein.
Obwohl der Beitrag vorgibt, die Ergebnisse der Jahresberichte der Welthungerhilfe und Aktion gegen den Hunger zusammenzufassen, lässt er systematisch die zentralen und politisch entscheidenden Inhalte aus – insbesondere die dokumentierte Verwendung von Hunger als Kollektivstrafe und Waffe, die gezielte Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur und die Verweigerung humanitärer Hilfe als Ursachen für Hunger. Diese Aspekte stehen im Mittelpunkt der genannten Berichte. Die Berichterstattung der tagesschau verfehlt damit nicht nur journalistische Standards, sondern verfälscht aktiv die Inhalte ihrer Quellen und verzerrt das öffentliche Verständnis sowohl der Berichte als auch der Krisen, auf die sie sich beziehen.
1. Die Normalisierung politisch erzeugter Hungersnöte durch die tagesschau
Im Zentrum meiner Kritik an Ihrer Berichterstattung steht die Darstellung von Hungersnot nicht als Verbrechen, sondern als ‘tragisches, unausweichliches Schicksal’. Wie in den Jahresberichten klar dokumentiert ist, ist die Hungersnot im Gazastreifen das Ergebnis gezielter militärischer Maßnahmen: darunter die Zerstörung von Ackerland, Wasser- und Sanitärinfrastruktur sowie die Blockade humanitärer Hilfe. Diese Handlungen stellen gravierende Verstöße gegen das Völkerrecht durch Israel dar und sind derzeit Gegenstand eines Verfahrens vor dem Internationalen Gerichtshof.
Die tagesschau schreibt dazu lediglich: „Im Gazastreifen hungerten derzeit knapp 500.000 Menschen“
– ohne eine Benennung der verantwortlichen Akteure, ohne rechtliche Einordnung und ohne Hinweis auf die gezielte Natur der Hungerpolitik.
Dies ist kein neutraler Auslassungsfehler, sondern eine bewusste redaktionelle Entscheidung, die den politischen Charakter der Hungersnot verschleiert und eine staatlich herbeigeführte Massenverelendung auf eine bloße humanitäre Randnotiz reduziert.
2. Ein übergreifendes Muster der Kontextunterdrückung
Dieses entpolitisierende Muster zeigt sich auch in der Berichterstattung zu Sudan und Myanmar, wo Hunger lediglich als Folge von „Konflikt“ oder „Katastrophe“ dargestellt wird – ohne Nennung von Absicht, Akteuren oder rechtlicher Bewertung. Auch wenn die Situationen unterschiedlich sind, so verbindet sie doch eines: Hunger wird auch dort als Mittel der Kriegsführung oder Unterdrückung eingesetzt.
Durch das Verschweigen dieses Musters verheimlicht die tagesschau die politischen und strukturellen Ursachen der Hungersnöte, um die es in den Jahresberichten geht, und erzeugt ein falsches Bild moralischer Gleichwertigkeit, das unterschiedliche Verbrechen in einer entpolitisierten Erzählung nivelliert. Als wäre es einfach so, dass manche Menschengruppen hungern müssen.
3. Die Folgen: Die Normalisierung von Hunger als Kriegswaffe
Diese redaktionelle Strategie ist nicht nur irreführend – sie ist gefährlich.
Sie normalisiert den Einsatz von Hunger als militärisches Mittel und senkt die öffentliche Sensibilität für eines der schwerwiegendsten Verbrechen unter internationalem Recht.
Sie verhindert öffentliche Rechenschaft, indem sie sowohl Täter als auch mitverantwortliche Staaten – darunter auch Deutschland – vor kritischer Betrachtung schützt.
Sie untergräbt internationale juristische Prozesse – etwa am IGH, da genau jene Merkmale (Absicht, Handlungsmacht, Wirkung), die Hunger als Kriegsverbrechen definieren, verschleiert werden.
Sie entzieht den Opfern ihre Stimme, indem sie Kontext, Ursachen und systemische Gewalt unsichtbar macht und Hunger als Schicksal statt Strategie darstellt.
Dies stellt ein Versagen im Sinne des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags dar. Durch die Minimierung politischer Verantwortlichkeit und das bewusste Ausblenden zentraler Inhalte aus den eigenen Quellen verstößt die tagesschau gegen die journalistische Sorgfaltspflicht gemäß §§ 1 und 2 des Pressekodex sowie gegen die Pflicht zu ausgewogener und wahrheitsgetreuer Berichterstattung gemäß § 6 des Medienstaatsvertrags.
4. Meine Forderungen
Ich fordere daher von der tagesschau und den zuständigen öffentlich-rechtlichen Trägern:
– Die Veröffentlichung einer Korrektur, Richtigstellung oder Folgeberichterstattung, in der die politischen, rechtlichen und humanitären Kontexte der Hungersnot in Gaza und anderen Konfliktregionen entsprechend der Ausgangsberichte wiedergegeben werden.
– Die öffentliche Anerkennung des Versäumnisses, die gezielten Hintergründe und Auswirkungen von Hunger als Kriegsstrategie korrekt dargestellt zu haben.
– Die Sicherstellung, dass zukünftige Berichterstattung über globale humanitäre Krisen eine ganzheitliche Verantwortungsstruktur widerspiegelt – einschließlich politischer Akteure, juristischer Einordnung sowie Stimmen betroffener Gemeinschaften und zivilgesellschaftlicher Organisationen.
– Eine interne redaktionelle Überprüfung der Einhaltung journalistischer Standards und gesetzlicher Verpflichtungen im Rahmen des Medienstaatsvertrags für die betreffende Sendung
Darüber hinaus fordere ich, dass diese Programmbeschwerde gemäß § 49 des Medienstaatsvertrags der zuständigen Landesmedienanstalt zur Prüfung vorgelegt und das Ergebnis dieses Verfahrens öffentlich gemacht wird.
Ich erwarte von einem öffentlich-rechtlichen Sender, finanziert durch die Allgemeinheit und beauftragt mit dem Schutz demokratischer Öffentlichkeit, dass er Hungersnöte nicht nur als humanitäre Notlage behandelt, sondern als das, was sie oft sind: gezielte Verbrechen, die benannt und aufgeklärt werden müssen – nicht beschönigt.
Mit freundlichen Grüßen